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Tierbezogene Indikatoren für die Mutterkuhhaltung (in der Weidehaltung)

Empfehlungen für die tägliche Tierbeobachtung und die betriebliche Eigenkontrolle anhand von Checklisten

Stand: März 2026

  • Detlef May, Lehr- und Versuchsanstalt für Tierzucht und Tierhaltung Groß Kreutz
  • Prof. Dr. Heiko Scholz, Hochschule Anhalt
  • Prof. Dr. Ralf Waßmuth, Hochschule Osnabrück
  • Gäste: 
    • Immo Georg, Berater Milchkuh- und Mutterkuhhaltung im  Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen
    • Jonas Carle, Berater Milchkuh- und Mutterkuhhaltung im  Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen 

  • Leonie Schnecker, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen
  • Dr. Rebecca Simon, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen
  • Saskia Markmann, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Förderhinweis
Dieses Dokument wurde im Rahmen des Verbundprojektes Netzwerk Fokus Tierwohl, Förderkennzeichen 28N419TA01 bis 28N419TA17, durch die Arbeitsgruppe „Mutterkuh" des Tierwohl-Kompetenzzentrums Rind erarbeitet und durch DLG e.V methodisch-didaktisch aufbereitet.
Das Verbundprojekt der Landwirtschaftskammern und landwirtschaftlichen Einrichtungen aller Bundesländer hat das Ziel, den Wissenstransfer in die Praxis zu verbessern, um rinder-, schweine- und geflügelhaltende Betriebe hinsichtlich einer tierwohlgerechten, umweltschonenden und nachhaltigen Nutztierhaltung zukunftsfähig zu machen.
Das Projekt wird gefördert durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

Alle Informationen und Hinweise ohne jede Gewähr und Haftung.

Herausgeber

DLG e.V.
Fachzentrum Landwirtschaft
Eschborner Landstraße 122
60489 Frankfurt am Main
 

Vervielfältigung und Übertragung einzelner Textabschnitte, Zeichnungen oder Bilder (auch für den Zweck der Unterrichtsgestaltung) sowie Bereitstellung des Merkblattes im Ganzen oder in Teilen zur Ansicht oder zum Download durch Dritte nur nach vorheriger Genehmigung durch die fachlich zuständige Geschäftsstelle des Tierwohl-Kompetenzzentrums Rind und DLG e.V., Servicebereich Marketing, Tel. +49 69 24788-209, [email protected].


Einleitung

Welche Ansprüche hat die Mutterkuh an ihre Umwelt und inwieweit kann sie sich an diese anpassen? Um die Anpassungsfähigkeit der Tiere nicht zu überfordern, müssen bestimmte Ansprüche an die Haltung erfüllt werden. Den Rinderhaltenden kommt hier eine hohe Verantwortung zu, den Bedürfnissen der Tiere gerecht zu werden. Tierhalterinnen und Tierhalter sind laut Gesetz dazu verpflichtet, kontinuierlich und systematisch die Tiere und deren Haltungsumwelt zu beobachten und zu überprüfen. Dies ist als Ergänzung zu den täglich notwendigen Routine-Kontrollen zu sehen. Um das Tierwohl der eigenen Herde/n einzuschätzen und falls notwendig auch verbessern zu können, bedarf es objektiver Prüfgrößen. 

Anhand relevanter Indikatoren kann das Tierwohl für die eigenen Tiere erfasst und beurteilt werden. Hierzu hat die AG Weidehaltung in der Mutterkuhhaltung Beurteilungsmöglichkeiten in Form von Checklisten erarbeitet. 

Die nachfolgenden Checklisten können Tierhaltenden dabei unterstützen, sich auf die Haltung von Mutterkühen und ihren Kälbern (teilweise oder ganzjährig) im Freien vorzubereiten. Außerdem können sie für die tägliche Einzeltier-/Herdenbeobachtung und -Kontrolle genutzt werden und dienen gleichzeitig als Grundlage für die betriebliche Eigenkontrolle gemäß § 11 Absatz 8 des Tierschutzgesetzes.

Rechtlicher Rahmen

Tierhaltende landwirtschaftliche Betriebe sind seit 2014 nach § 11, Abs. 8 des Tierschutzgesetzes zur betrieblichen Eigenkontrolle anhand von Tierschutzindikatoren verpflichtet. Die Begründung des Bundesrats zur Änderung des Tierschutzgesetzes dazu lautet:

„Ziel der tierschutzbezogenen betrieblichen Eigenkontrolle soll sein, eine Einschätzung des Wohlergehens der Tiere, zum Beispiel anhand geeigneter Indikatoren vorzunehmen und gegebenenfalls Maßnahmen zur Verbesserung zu planen und umzusetzen“. 

Tierhalterinnen und Tierhalter sollen bezüglich des Tierwohls auf dem eigenen Betrieb sensibilisiert und deren Eigenverantwortung gestärkt werden. Die Erfassung des Tierwohls im Rahmen der betrieblichen Eigenkontrolle ist zwar gesetzlich vorgeschrieben, die Vorgehensweise und Dokumentation wurde aber nicht konkretisiert. Hierzu sollen die Checklisten einen Beitrag leisten.

Was sind geeignete Indikatoren?

Anhand der tierbezogenen Indikatoren werden Aspekte des Gesundheitszustands und des Verhaltens der Tiere erfasst, wie zum Beispiel Körperkondition, äußere Körpermerkmale, Gesundheit, Verhalten, Verletzungen und Lahmheiten. Sie ermöglichen direkte Rückschlüsse der Auswirkungen von Haltung, Fütterung und Management auf das Wohlergehen der Tiere. Ob es den Tieren tatsächlich gut geht und ob sie Schäden oder Erkrankungen aufweisen, lässt sich nur an ihnen selbst feststellen. 

Mit Hilfe von ressourcen- und managementbezogenen Indikatoren (bspw. Platzangebot, Reinigung der Tränke, Witterungsschutz) können die baulich-technischen Haltungsbedingungen überprüft werden. Diese Indikatoren bilden die Voraussetzungen, für die Gestaltung einer möglichst tiergerechten Haltung. Sie lassen aber nur einen indirekten Rückschluss darauf zu, wie es den Tieren unter diesen Bedingungen tatsächlich geht.

3.1 Tierbezogene Indikatoren und Ressourcen- und managementbezogenen Indikatoren für die Tierbeobachtung- und Kontrolle

Gesetzliche Regelungen und der Anspruch an eine tiergerechte Mutterkuhhaltung fordern einen ausreichenden Schutz vor widrigen Witterungseinflüssen (im Sommer und Winter) für Mutterkühe und Kälber. Damit die Tiere witterungsbedingt belastende Situationen gut meistern können, sind eine gute Körperkondition, Gesundheit sowie ein Witterungsschutz mit trockener, eingestreuter Liegefläche essenziell. Es sollten ausreichend geschützte Bereiche angeboten werden, wodurch Probleme durch Sozialverhalten vermindert werden und die Zugänglichkeit des Witterungsschutzes zu jeder Tageszeit für alle Tiere möglich ist. Eine kontinuierliche, qualitativ gute Futter- und Wasserversorgung ist sicherzustellen und muss auch bei widrigen Witterungsverhältnissen gewährleistet sein; falls nicht, bedarf es einer Managementanpassung. Gleichzeitig ist eine ausreichende Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen sicherzustellen, da Mängel zu erhöhter Infektanfälligkeit sowie Leistungseinbußen und Fruchtbarkeitsstörungen führen können.

Eine tägliche Einzeltier-/Herdenbeobachtung ist verpflichtend, um Anpassungsreaktionen der Tiere und ihr Verhalten frühzeitig zu erkennen und schnell reagieren zu können. Anzeichen für Erkrankungen, Verletzungen oder Unruhe in der Herde sind zu erfassen, zu bewerten und zu dokumentieren. Empfehlenswert ist zusätzlich eine Dokumentation über Geburtsmonitoring, Managementmaßnahmen (z. B. Klauenpflege) und Tierverluste, um Übersicht und Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten.

Für die betriebliche Eigenkontrolle von Mutterkuhherden stehen ausreichend tierbezogene Indikatoren zur Verfügung. Es gilt zu beachten, dass Standort, Rasse, weitere Einflussfaktoren und betriebsindividuelle Gegebenheiten beschrieben werden müssen. Die Beurteilung der Körperkondition dient bspw. der längerfristigen Versorgungslage der Tiere, während die Beurteilung der Pansenfüllung der aktuellen Futteraufnahme wertvolle Ergebnisse liefern kann. Belastungen durch Wärme, Hitze oder Kälte lassen sich durch Erfassung der Atemfrequenz als ersten Anhaltspunkt abschätzen. Reaktionen der Tiere und ethologische Veränderungen (z. B. Grasezeiten) können die Aussagen ergänzen.

Hinweis

Bei der Nutzung tierbezogener Indikatoren ist eine sehr gute, stressarme Mensch-Tier-Beziehung von zentraler Bedeutung, sonst können Beurteilungen fehlerhaft sein. Ansatzpunkte für Managementverbesserungen bei Belastungen der Tiere (z. B. Hitze oder Kälte) können nur auf der Grundlage eigener, erhobener Daten erfolgen.

3.2 Empfehlungen für Checklisten

In der AG wurden vier Bereiche abgegrenzt. Es finden sich jeweils Checklisten und Beurteilungsbögen für:

die Herden- & Einzeltierbeobachtung (täglich sowie anlassbezogen)


für die gezielte Beurteilung: Herden- & Einzeltiercheck (täglich sowie anlassbezogen)


Hitzeperioden (anlassbezogen)


Kälteperioden (anlassbezogen)

Alle Checklisten können ausgedruckt, laminiert und mit einer Ringbindung zusammengefasst werden. So können die Beurteilungsbögen mit einem Folienstift immer wieder verwendet werden. Wenn Rinderhaltende die tägliche Herden- und Einzeltierbeobachtung und -Kontrolle mit dem Tablet durchführen möchten, können alle Beurteilungsbögen auch als beschreibbare pdf genutzt werden.

Zur bestmöglichen Nutzung der bereitgestellten Checklisten stehen die folgenden Empfehlungen mit ergänzenden Informationen zur Verfügung.

3.2.1 Herden- und Einzeltierbeobachtung

Für die tägliche sowie anlassbezogene Herden- und Einzeltierbeobachtung wurde eine Checkliste mit dem Vorgehen und Ziel erstellt (Abb. 2).

Eine Tabelle zeigt für diesen Bereich alle wesentlichen Indikatoren, die bei einer Herden- und Einzeltierbeobachtung berücksichtigt werden sollten (Abb. 3). Bei Unklarheiten oder für eine vertiefte Beobachtung finden sich dort Verweise zu weiteren Checklisten (aus Herden- und Einzeltiercheck) und Hilfestellungen über QR-Codes. Eine Legende zeigt, welche Indikatoren für die tägliche Herden- und Einzeltierbeobachtung genutzt werden können und welche Indikatoren als Grundlage für eine anlassbezogene Beurteilung dienen. 

Für die tierbezogenen Indikatoren gilt fast immer, dass die gesamte Herde beurteilt werden muss. Ausnahme bilden die Indikatoren Körperkondition, Atmung, Gesundheitszustand (Beurteilung der Pansenfüllung) und Bewegung/Körperhaltung. Für diese muss eine von der Herdengröße abhängige Stichprobe der Herde gezogen werden.

Wie eine Stichprobe gezogen werden kann, ist im KTBL-Tierschutzindikatoren: Leitfaden für die Praxis – Rind auf S.12 beschrieben. 

Darüber hinaus wurde ein Beurteilungsbogen für die tägliche Herden- und Einzeltierbeobachtung erstellt. In dieser Tabelle finden sich alle Indikatoren, die für die tägliche Beurteilung wichtig sind (Abb. 4). Für die Dokumentation, gibt es die Möglichkeit das Datum, den Standort, Namen der Herde, und den Namen des Durchführenden einzutragen. Um die Kontrolle eines bestimmten Indikators zu vermerken, können ein oder mehrere Kontrollkästchen angekreuzt werden. Falls es Auffälligkeiten gibt, kann dies unter Bemerkungen (bspw. Ohrmarke, Name der Kuh, etc.) differenzierter verschriftlicht werden.

Hinweis

Sind bestimmte Tiere während der Herden- und Einzeltierbeobachtung auffällig geworden, ist die Dokumentation und auch die Wiedervorstellung des/der Tiers/e notwendig. Auch hier kann der Beurteilungsbogen als Hilfestellung genutzt werden. 

3.2.2 Herden- & Einzeltiercheck

Um eine gezielte Beurteilung bestimmter Gegebenheiten möglich zu machen, sind nachfolgend weitere Checklisten aufgelistet. Für die aufgeführten Indikatoren befindet sich jeweils die Vorgehensweise zur Beurteilung auf den Checklisten. 

Beurteilung der Körperkondition, Seite 1

Beurteilung der Körperkondition, Seite 2

Beurteilung der Bewegung

Beurteilung der Pansenfüllung

Einschätzung der Wärmebelastung

Beurteilung des Panting-Score

Beurteilung des Haarkleid-Score Winter

Beurteilung des Haarkleid-Score Sommer

Hinweis

Für die Herden- und Einzeltierbeobachtung sowie den Herden-& Einzeltiercheck auf weitläufigen Weiden kann unterstützend Sensortechnik zur Überprüfung der Herdengesundheit und/oder Lokalisation der Herden verwendet werden. Trotzdem enthebt es die Tierhaltenden nicht, die tägliche Herden- und Einzeltierbeobachtung mit eigenen Augen am Tier durchzuführen.

3.2.3. Checklisten: Kältestress und Hitzestress erkennen und vorbeugen

Damit sich Betriebe gezielt auf eine Kälte- oder Hitzeperiode vorbereiten und entsprechend reagieren können, hat die AG zwei Checklisten mit tierbezogenen Indikatoren zum Themenkomplex „Kältestress und Hitzestress erkennen und vorbeugen“ erarbeitet (Abb. 5).

Hier finden sich Indikatoren, die für die Bereiche Kälte und Hitze wichtig zu beurteilen sind (Abb. 5). Verweise zu anderen Checklisten (aus Herden- und Einzeltiercheck) helfen dem/der Beurteilenden, Auffälligkeiten intensiver beleuchten zu können. Um die Dokumentation einfach zu gestalten, wurden auch hier Beurteilungsbögen erarbeitet (Abb. 6). Es gibt die Möglichkeit das Datum, den Standort, Namen der Herde, und den Namen des Durchführenden einzutragen. Um die abgeschlossene Kontrolle eines bestimmten Indikators zu vermerken, können ein oder mehrere Kontrollkästchen angekreuzt werden. Falls es Auffälligkeiten gibt, kann dies unter Bemerkungen (bspw. Ohrmarke, Name der Kuh, etc.) eingetragen werden. 

Fazit

Für die tägliche Tierbeobachtung und die gesetzlich vorgeschriebene betriebliche Eigenkontrolle sind tierbezogene Indikatoren für die Mutterkuhhaltung notwendig.

Mit den Checklisten und Beurteilungsbögen für die Mutterkuhhaltung kann das Tierwohl beurteilt und wenn nötig, gezielt verbessert werden. Indikatoren aus tierbezogenen, ressourcen- und managementbezogenen Bereichen ermöglichen Rückschlüsse auf Gesundheit, Verhalten und Haltungsbedingungen. Empfehlenswert ist die Dokumentation der Aufzeichnungen. Verlässlich dokumentierte Daten über die Herde und Einzeltiere halten auch kritischen Rückfragen stand und sind gute Grundlage für gezielte Managementmaßnahmen im Betrieb.   

Um eine Verankerung der tierbezogenen Indikatoren in der Mutterkuhhaltung zu fördern, wäre es ein wünschenswertes Ziel, Landwirt*innen und Tierärzt*innen gemeinsam zu schulen. Damit könnte gemeinsam das Bewusstsein für diesen wichtigen Bereich gestärkt und gemeinsame Handlungsoptionen aufgezeigt werden. 

Weiterführende Informationen

Umgang mit Hitzestress bei Mutterkühen

Umgang mit Kältestress bei Mutterkühen

Parasitenmanagement bei Mutterkühen und deren Jungtieren

 

Um Interessierte direkt an der Weide über die Außenhaltung im Winter zu informieren, kann ein Weideschild genutzt werden:

Weideschild: Mutterkühe im Winter draußen halten!?

 

Literatur