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Bedeutung der Strukturversorgung beim Mastbullen

  • Uwe Beißwenger, Landeskontrollverband Baden-Württemberg
  • Lambert Grosse, VzF GmbH
  • Ulrich Kühnlein, Beratungsdienst Rindermast Baden-Württtemberg
  • Martin Mayr, AELF Töging am Inn
  • Stefan Müller, KälberKontorSüd GmbH
  • Dr. Georg Teepker, Landwirtschaftskammer Niedersachsen
  • Klaus Zimmerer AELF Nördlingen-Wertingen
  • Julia Maischak-Dyck, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen
  • Caroline Leubner, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen
  • Lukas Trzebiatowski, Fachbereich Veterinärmedizin der JLU Gießen
  • Lydia Stahl, Fachbereich Veterinärmedizin der JLU Gießen

Einleitung

Die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Leistung des Rindes als Wiederkäuer sind maßgeblich von günstigen Bedingungen im Pansen abhängig. Von besonderer Bedeutung für die Pansenfunktion und -gesundheit ist die Fütterung. In der Bullenmast kommt dabei der Strukturwirkung des Futters eine wichtige Rolle zu. In diesem Leitfaden sollen die wichtigsten Punkte zur Strukturversorgung in der Mastbullenfütterung behandelt werden.

Warum ist die Versorgung mit strukturwirksamer Faser in der intensiven Bullenmast ein Problem? Warum tritt subakute Pansenacidose vermehrt auf?

  • sehr hohe Anteile Maissilage (mit hohen Stärkegehalten und wenig Strukturwirkung) in der Ration, häufig sogar als alleiniges Grobfuttermittel
  • intensive Fütterung mit hohemn Kraftfutteranteile in der Ration, um hohe Zuwachsleistungen zu ermöglichen
  • zusätzliche Strukturkomponenten wie Stroh oder Heu werden in TMR leicht ausselektiert

Ein gesunder, funktionierender Pansen ist Grundlage für eine ausreichende Bereitstellung der für die Energieversorgung von Masttieren notwendigen Bausteine, der optimalen Bereitstellung von Eiweiß am Dünndarm sowie der Versorgung mit wasserlöslichen Vitaminen.

Dafür benötigt der Pansen

  • eine Futterstruktur, die das Wiederkäuen und die Einspeichelung des Futters fördert (Speichel hat auch eine Pufferwirkung),
  • eine Rationszusammensetzung, die zu möglichst stabilen pH-Werten im Pansen führt (normale Schwankungsbreite zwischen pH-Werten von 5,8 bis 6,5) und
  • eine Schichtung des Panseninhaltes

Was passiert, wenn nicht pansengerecht / wiederkäuergerecht gefüttert wird?

  • Das Wiederkäuen ist in Dauer und Intensität deutlich reduziert
    • weniger Einspeicheln
    • niedrige pH-Werte aus der Umsetzung von pansenabbaubarer Stärke (Zucker) zu Säuren, die unzureichend abgepuffert werden
    • kritische pH-Werte im Pansen werden unterschritten

→ Subakute Pansenacidose (Übersäuerung) mit negativen Auswirkungen auf die Gesundheit

Folgen einer subakuten Pansenacidose

  • verringerte Futteraufnahme
  • schlechtere Futterverwertung (besonders bei der Faserverdauung)
    • schlechtere Haftung der Bakterien an den Fasern bei niedrigerem pH-Wert
    • Veränderung der mikrobiellen Gemeinschaft hin zu laktatbildenden (Milchsäure-bildenden) Bakterien
    • Schleimhautschäden der Pansenwand
  • Unterversorgung mit wasserlöslichen B-Vitaminen
    • bei niedrigem pH-Wert: Abnahme von B-Vitamin-bildenden Bakterien bei gleichzeitig hohem Bedarf an B-Vitaminen zur Kohlenhydrat-Verdauung
  • Unruhe der Bullen, Stress
  • Leistungsdepression
  • Gesundheitsstörungen
    • Bedingt durch das Absterben bestimmter Bakterien werden Giftstoffe (Endotoxine) freigesetzt, die über die geschädigt Pansenschleimhaut vermehrt ins Blut gelangen. Dadurch können im gesamten Organismus Erkrankungen entstehen. Zu den durch die Toxine begünstigten Erkrankungen zählen z.B. die Entstehung von Klauenrehe und Schwanzspitzennekrosen (Heers et. al. 2017)

Was können wir tun?

Durch Klicken auf die einzelnen Grafiken gelangen Sie zu den erforderlichen Maßnahmen.

Futtersilo


Maßnahmen

 
  • Häcksellänge des Mais überprüfen
  • Futtermittelanalysen (mindestens 2 x im Jahr)
  • Zusätzlich mindestens 1 x im Jahr Futtermittelanalyse der TMR
 

 

 

Mischwagen und -technik


Maßnahmen

 
  • Pansenverträgliche Rationsgestaltung
    • Anteil Grobfutter (> 65 %) mit strukturwirksamer Faser (min. 25% aNDFom aus dem Grobfutter je kg TM)
    • Menge und Zusammensetzung der verdaulichen Kohlenhydrate (bis circa 28 % pansenabbaubare Stärke und Zucker; darüber hinaus pansenstabile Stärke einsetzen)                   
    • synchrone Bereitstellung von Energie und Protein
    • Rohfett maximal 4,5 %
    • langsame Futterumstellungen
    • Erhaltung der Futterstruktur
  • Mischwagen
    • gleichmäßige Mischung des Futters und Verteilung des Futters, dadurch Verhindern der Selektion einzelner Rationsbestandteile
    • Wartung der Mischtechnik (Messer, Mischaggregate)
    • Eventuell Zugabe von Kaliumsorbat oder ähnlichem zur Stabilisierung der Ration 
 

Futtervorlage und Wasserversorgung


Maßnahmen

 
  • Es sollte immer frisches Futter fressbereit sein
  • TMR-Futtervorlage nach dem 24/7 - Prinzip
  • Regelmäßiges Futternachschieben und -nachverteilung für
  • Ein permanentes Futterangebot
  • Die Erleichterung der Futteraufnahme
  • Eine Reduktion der Futterreste
  • Erhaltung der Futterstruktur
  • Verteilung der Kraftfutteraufnahme über den Tag
  • Bei Handvorlage ein Tier- Fressplatzverhältnis von 1:1
  • Bei TMR-Vorlage ist ein höheres Tier-Fressplatzverhältnis möglich
  • Langsame Futterumstellungen
  • Altersangepasste TMR nach Rationsberechnung
  • Ausreichende Ruhezeiten zum Wiederkäuen

 

Die Höhe der Futteraufnahme ist wesentlich beeinflusst von der Qualität der Wasseraufnahme. 

Beispielsration für einen Mastbullen: Oben Einzelbestandteile (125 g Mineralfutter, 300 g Häckselstroh (Alternative: Grassamenheu), 2,5 kg Kraftfutter, 16 kg Maissilage), unten gemischt.

Merke: Die berechnete „Futterstruktur“ einer Ration allein garantiert bei weitem noch keine pansengerechte Fütterung!

Abbildung 1: Eine optimale Strukturversorgung ist Grundlage zur Vermeidung von Gesundheitsproblemen.  

  • Für die Beurteilung der Strukturwirkung eines Futtermittels bzw. einer Ration werden Informationen aus der chemischen Zusammensetzung (Fasergehalt, Verdaulichkeit) und aus der physikalischen Form (Länge und Beschaffenheit der Faser) benötigt.
  • Ein Laborwert wie Rohfasergehalt oder Gehalt an aNDFom allein reicht somit nicht zur Beschreibung der Strukturwirksamkeit.
  • Zusätzliche generalisierte Klassifizierungen nach Herkunft der Faser wie „strukturierte Rohfaser“ oder der „Strukturwert SW“ reichen zur Bewertung besonders hochenergetischer Rationen nicht aus.
  • Die Futterstruktur muss einmal bei der Rationsberechnung und einmal bei der fertig gemischten Ration beurteilt werden.
  • Bei der Rationsberechnung kommen der aNDFom-Gehalt (neutrale Detergentien-Faser, d.h. die Gerüstsubstanzen Zellulose, Hemizellulose und Lignin, nach Amylasebehandlung und Veraschung) aus dem Grobfutter und der Strukturindex zur Anwendung.
  • Der aNDFom-Gehalt aus dem Grobfutter sollte beim Mastbullen einen Mindestanteil von 25 % an der Gesamtration haben.
  • Der Strukturindex fasst die entgegengesetzten Wirkungen von leicht löslichen Kohlenhydraten und von Faserbestandteilen in der Ration in einer Zahl zusammen. Er basiert auf der international genutzten Faserfraktion aNDFom, bezieht sich direkt auf die eigentliche Zielgröße Pansen-pH-Wert und ist über die aNDFom aus dem Grobfutter an das System peNDF angebunden. Ein Strukturindex von 50 beschreibt dabei das Verhältnis an aufgenommener Menge an aNDFom aus dem Grobfutter zu leicht löslichen Kohlenhydraten, bei der ein ruminaler pH-Wert von 6,15 erwartet wird (Rutzmoser et al., 2011; Ettle et al., 2015). Er darf Werte zwischen 0 und 100 annehmen. Zielwert ist ein Wert von ≥ 45.
  • Bei der Kontrolle der angemischten Ration kommt der „physikalisch effektive NDF-Gehalt“ (peNDF) von Futtermitteln zum Zug und soll in Zukunft auch als Kennzahl in den Rationsberechnungen genutzt werden.
  • Bei der Kontrolle der angemischten Ration kommt der „physikalisch effektive NDF-Gehalt“ (peNDF) von Futtermitteln zum Zug und soll in Zukunft auch als Kennzahl in den Rationsberechnungen genutzt werden.
  • Was ist peNDF?
    • Der Begriff peNDF steht für „physikalisch effektive Neutral-Detergenzien-Faser“
    • Dazu wird mit einer Schüttelbox der Massenanteil des Futtermittels bzw. der Ration ermittelt, der über 8 mm lang ist.
    • Dieser Gewichtsanteil wird mit dem Prozentsatz der aNDFom in der TM der Gesamtration multipliziert.
    • Die peNDF ermöglicht eine betriebsindividuelle Berücksichtigung der Partikelgröße der Ration einschließlich aller Effekte vor der Futteraufnahme durch das Tier (z.B. Häcksellänge; Vermusung im Mischwagen). Der Wert kann daher nicht additiv aus Tabellenwerten der einzelnen Rationskomponenten berechnet werden, sondern wird für die Ration als Ganzes erhoben.
    • Wird Kraftfutter zusätzlich zur Mischration verabreicht, so ist dieses dem unteren Siebkasten (< 8 mm) zuzurechnen
    • Zum aktuellen Zeitpunkt sind keine Werte für die Bullenmast etabliert. Diese existieren bislang nur für Milchvieh, wobei hier auch noch die Stärkegehalte der Gesamtration berücksichtigt werden.

Beobachtung der Tiersignale


Bobachtungen / Auffälligkeiten

 
  • Unruhe der Bullen, Stress
  • Leistungsdepression
  • Wiederkauaktivität reduziert
  • Schwanzspitzenveränderung, Lahmheit, Klauenveränderung                                        
  • Zungenschlagen
  • Beobachten des Fressverhaltens (Futterselektion)
  • Kotkonsistenz
 

Wichtige praktische Ansätze zur Sicherung der Pansengesundheit in der intensiven Jungbullenmast

Einsatz von Häckselstroh

  • Geringe Mengen (200-500 g je Tier und Tag) sind bereits effektiv
  • Nur kurz geschnitten (max. 3-4 cm, theoretische Schnittlänge kürzer), intensiv einmischen

Einsatz von Luzerne-, Kleegras- und Grassilage

  • Untersuchung der Grassilage und Rationsrechnung! Achtung: Strukturwirkung wird oft überschätzt!
  • wird gern gefressen, liefert zusätzlich Rohprotein
  • nur beste Qualitäten für hohe Zunahmen
  • Anteil an der Grobfutter-TM vom Energiegehalt abhängig

Einsatz von Shredlage

  • Häcksellänge 20 – 30 mm mit intensiver Aufbereitung der Restpflanze.
  • Die intensive Kornaufbereitung kann die Verwertung der Stärke aus dem Maiskorn verbessern.
  • Überwiegend positive Ergebnisse im Versuch (Bunk, 2021), aber noch keine abschließende Beurteilung für den Praxiseinsatz
  • mehr Siloraum, höhere Verdichtung und mehr Vorschub bei der Entnahme erforderlich!
  • Hinweis: Häckseltechnik nur regional verfügbar
  • Futterselektion vermeiden
    • Beobachten des Fressverhaltens
    • intensives Mischen ohne das Futter zu musen, ggf. unter Wasserzusatz
    • Pellets durch Mehlfutter ersetzen (führt zu homogenerer Mischung)
    • Kontrolle der Futterreste
  • Einsatz von Pansenpuffer (z.B. Natriumbicarbonat)
    • nur als „Notbremse“, um die Symptome zu vermindern
    • Die Ursache der Pansenacidose muss anderweitig behoben werden

Literatur

Bewertung der Strukturversorgung beim Rind; Schule und Beratung 4/5, 63-67; Ettle, T., Schuster, H., Rutzmoser, K. 2015

Was bringt Shredlage in der Bullenmast? top agrar 5/21; Bunk, L; Westendarp H; Fenske K; Korte, H.

Futtermittel für landwirtschaftliche Nutztiere; Durst, L; Freitag, M; Bellof, G; 1. Auflage; DLG-Verlag 2021

Gruber Tabelle zur Fütterung in der Rindermast, 25. unveränderte Auflage 2021, ; LfL Bayern

Schwanzspitzennekrosen - Weil sich die Mastbullen bei enger Haltung auf den Schwanz treten?, Nutztierpraxis aktuell, 2017; Heers, P A; Beune, H; Freitag, M.

Rutzmoser, K., Ettle, T., Obermaier, A., Schuster, H. (2011): Ein Strukturindex als Fortführung zur Beschreibung der Strukturwirkung mit der physikalisch effektiven NDF. Tagungsband 10. Boku-Symposium Tierernährung, 231-236

https://www.lfl.bayern.de/ite/rind/120273/index.php (abgerufen 02.02.2022)

https://www.lfl.bayern.de/mam/cms07/ite/dateien/29204_unterschiedliche_haecksell__nge_maissilage_bullen.pdf (abgerufen 02.02.2022)