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Zucht auf Hornlosigkeit bei Rindern

Stand: Juni 2026

  • Anke Rolfes, Bundesverband Rind und Schwein e.V.
  • Dr. Carsten Scheper, Ökologische Tierzucht gGmbH

  • Dr. Rebecca Simon, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen
  • Saskia Markmann, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen
  • Leonie Schnecker, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Einleitung

Der zentrale und übergeordnete Aspekt in der Zucht auf Hornlosigkeit ist das Tierwohl. Für die Zukunftsperspektive der Nutztierhaltung gilt dabei insgesamt, dass Tierwohl, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit zusammen gedacht werden müssen, damit hohe Anforderungen an das Tierwohl bspw. zur Vermeidung von vermeidbaren Eingriffen praktisch und nachhaltig umsetzbar sind. In modernen Haltungssystemen birgt die Haltung von horntragenden Rindern Risiken sowohl für den Menschen als auch für die Tiere selbst. Besonders problematisch sind dabei Herden mit gemischter Zusammensetzung aus horntragenden und nicht horntragenden Tieren. Des Weiteren spielen Arbeitssicherheit, Herdenmanagement sowie Kosten und Arbeitsaufwand in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle. Aus diesen Gründen entschieden sich viele Betriebe bereits seit vielen Jahren für eine Haltung von nicht horntragenden Tieren. Aus Sicht des Tierwohls ist jegliches Vermeiden von Eingriffen am Tier anzustreben, weshalb die Zucht auf Hornlosigkeit zunehmend an Bedeutung gewinnt und eine wichtige Alternative zu den bislang dominierenden Verfahren der Verödung der Hornanalgen darstellt.

Verfahren zum Veröden der Hornanalagen bei Kälbern stellen als Eingriff am Tier aktuell einen Ausnahmefall im Tierschutzgesetzt nach § 5 (3) Satz 2 (in Zusammenhang mit § 6 (1) Satz 3) dar. Die Forderungen nach einer Verschärfung der Auflagen des Verfahrens, wie sie sich beispielsweise in der gescheiterten Novelle des TierSchG vom Mai 2024 sowie in der Düsseldorfer Erklärung von 2012 widerspiegeln, verdeutlichen, dass ein generelles Verbot mittel- bis langfristig zunehmend wahrscheinlicher wird. In der Praxis deuten zusätzliche rechtliche Verschärfungen in einigen Bundesländern bereits einen weiteren Schritt in diese Richtung an (z.B. Runderlass des Landes Niedersachsen (Stand 2026), Vollzugshinweis/ Merkblätter Hessen, Leitfäden Bayern und Brandenburg).

Hinweis

In ökologisch wirtschaftenden Betrieben ist das Veröden der Hornanlagen seit dem 1. Januar 2009 bereits nur in begründeten Ausnahmefällen erlaubt. Seit 2022 wird das Verfahren durch die EU-Verordnung 2018/848 geregelt, in der der „begründete Ausnahmefall“ präziser definiert ist. 

Der Demeter Verband geht darüber hinaus und untersagt sowohl die Enthornung als auch die gezielte Zucht auf Hornlosigkeit. Ausnahmen bestehen für einzelne, fixiert genetisch hornlose Rassen in Reinzucht (Angus und Galloway) sowie für weibliche genetisch hornlose Tiere, die sich bereits vor der Umstellung im Bestand befanden.

Rinder gehören zur Gattungsgruppe der Hornträger (Bovidae), die zur Familie der Wiederkäuer gehören. Hörner sind zum Kopf gehörende paarige Hautanhangsgebilde boviner Spezies, die in ihrer Form zwischen Arten und Rassen stark variieren (siehe Abbildung 1). Sie bestehen aus einem Knochenkern (Stirnbeinfortsatz), welcher von einer permanent wachsenden Schicht aus Keratin (Hornsubstanz) umgeben ist. Zwischen der Keratinschicht und dem knöchernen Kern befinden sich mehrere Gewebsschichten, die gut durchblutet und von Nerven durchzogen sind. Der Hornansatz bildet sich bereits während der frühen fetalen Entwicklung aus. Das Wachstum der Hornsubstanz beginnt bei Rindern etwa einen Monat nach der Geburt. Genetisch hornlose Individuen kommen aufgrund natürlich vorkommender Mutationen bei allen domestizierten Boviden vor. 

Bei der Mehrzahl der in Deutschland gehaltenen Milch- und Zweinutzungsrindern erfolgt die Entfernung der Hornanlagen nach wie vor durch Veröden. Die Zucht genetisch hornloser Rinder bietet sowohl für konventionell als auch ökologisch wirtschaftende Betriebe eine bestehende, tierwohlorientierte Alternative zur Verödung der Hornanlagen oder zum Halten horntragender Rinder.

Die Rinderzuchtverbände reagieren darauf seit circa 20 Jahren mit einer rasseübergreifenden Selektion genetisch hornloser Bullen bei wirtschaftlich bedeutenden Rassen. Der Anteil genetisch hornloser Rinder ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen (Abbildung 2 - 5). Im Geburtsjahrgang 2025 liegt der Anteil genetisch hornloser, genomisch untersuchter weiblicher Holsteins aus der Herdentypisierung (ca. 33 % der Rinder in Deutschland) inzwischen bei 24,3 % für Schwarzbunte Holsteins und sogar bei 56,4 % für Rotbunte Holsteins (Abbildung 2).

Hornlosigkeit beim Rind – Erbgang und Vererbung

Die Hornlosigkeit beim Rind wird genetisch im Wesentlichen durch einen Genort auf Chromosom 1, den sog. „POLLED“- oder „Hornlos“-Locus, bestimmt. An diesem Genort sind im Laufe der Evolution, beginnend bereits vor der Domestikation, mehrere strukturell unterschiedliche Hornlos-Allele durch Mutationen entstanden, man spricht von allelischer Heterogentiät. Die in den europäischen Rinderrassen am weitesten verbreiteten Allelvarianten sind die sog. „keltischen“ und „friesischen“ Allelvarianten. Die Hornlosigkeit ist eines der wenigen züchterisch positiv bewerteten qualitativen Merkmale das auf den ersten Blick einem Erbgang folgt, der den Mendelschen Regeln entspricht: Tiere mit mindestens einer Hornlos-Allelvariante (Pp, PP) sind phänotypisch hornlos, nur pp-Tiere tragen sicher Hörner (siehe Abbildung 6). Dementsprechend sind die Hornlos-Allelvarianten (Pc für die „keltische“ Variante und Pfür die friesische Variante) dominant gegenüber der Horn-Allelvariante (p), welche rezessiv vererbt wird.

Neuere Forschungsergebnisse weisen aber darauf hin, dass die Ausbildung der Hörner bei Rindern als vollwertiges Organ, genetisch wesentlich komplexer gesteuert wird als ausschließlich durch einen einzigen Genort. Die in der Praxis auftretenden Wackelhörner (engl. als „scurs“ bezeichnet, Genotypkennzeichnung PS) sind typischerweise lose, nicht mit dem Schädel verwachsene Hornansätze, die aus genetischer Perspektive mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließlich bei genetisch hornlosen Tieren auftreten (Abbildung 7). 

Weitere Informationen

Eine genomweite Studie von Gehrke et al. an Holstein-Friesian-Tieren mit Hornlos-Abstammung zeigt, dass Auftreten und Ausprägung von Wackelhörnern von Alter, Geschlecht, Hornlos-Genotyp (PP vs. Pp) und mehreren weiteren Genorten auf verschiedenen Chromosomen abhängen. Die Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass ein einfacher monogener Erbgang für die Hornbildung verworfen und ein oligogenes, quasi quantitatives Modell angenommen werden sollte. In diesem Modell hat der eingangs beschriebene Hornlos-Locus auf Chromosom 1 und die dort bestehenden Allelvarianten einen starken (gen)regulatorischen Effekt, der die Hornbildung und die daran beteiligten Gene signifikant beeinflusst.

Aufgrund des zugrundeliegenden Erbgangs nach Mendel können die Allelvarianten am Hornlos-Locus relativ einfach zielgerichtet züchterisch bearbeitet werden. Die Vererbung und die zu erwartenden Phänotypen sind in der Anpaarung mit klaren Wahrscheinlichkeiten berechenbar (siehe Abbildung 8). Insbesondere wenn die Genotypen (beide Allelvarianten eines Tieres am Hornlos-Locus bspw. Pp oder PP) beider Anpaarungspartner durch eine Genotypisierung bekannt sind, kann sehr systematisch mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für ein phänotypisch hornlosen Kalb angepaart werden. Praktisch zu beachten ist aber, dass diese Wahrscheinlichkeiten streng genommen immer nur für jede einzelne Anpaarung greifen. In der Praxis wird bei heterozygot hornlosen Bullen gerne damit geworben, dass 50% ihrer Kälber hornlos sind. Bei einer geringen Zahl an Anpaarungen zeigt sich jedoch immer wieder eine für den Praktiker:in frustrierende Abweichung, die jedoch dem Zufall zuzuschreiben ist, wenn bspw. 3 von 4 Töchter eines heterozygoten Bullen horntragend sind. Dieser Umstand ist ein wichtiger Grund warum homozygot hornlose Bullen (PP) sehr stark nachgefragt werden, denn alle ihre Nachkommen sind, unabhängig vom Hornstatus der besamten oder angepaarten Kuh, sicher genetisch und phänotypisch hornlos.

Faktencheck

Auch wenn die Zucht auf Hornlosigkeit stark voranschreitet, ist sie aus genetischer Sicht kein „Weg ohne Wiederkehr“. Kreuzt man heterozygot hornlose Tiere (Pp) untereinander oder mit horntragenden Partnern (pp), entstehen mit den ausrechenbaren Mendel-Wahrscheinlichkeiten wieder horntragende Nachkommen (pp). So lange also Horn-Allele (p) im Genpool vorhanden sind, ist eine gezielte züchterische Rückzüchtung auf Hörner grundsätzlich jederzeit möglich.

Praxiswissen

  • Seit dem Aufkommen der Hornlosgenetik hat sich die genetische Qualität, gemessen an den Zuchtwerten, in den letzten Jahren verbessert. Das breite Portfolio und das Vertrauen in die Hornlosgenetik führen zu einem deutlichen Anstieg der Zahl hornloser Tiere in Deutschland bei vielen Rassen. 

  • Durch intensive Zuchtarbeit hat sich nicht nur die genetische Qualität hornloser Vererber immens verbessert. Auch das Portfolio und die Pedigrees hinter hornlosen Bullen haben sich ausgeweitet, sodass heute eine Vielzahl reinerbig hornloser Bullen für den Besamungseinsatz zur Verfügung stehen.

  • Der reinerbig hornlose Red Holsteinvererber KEANE PP war im vergangenen Jahr (2024) der meisteingesetzte Red Holsteinbulle in Deutschland. Auch beim Fleckvieh und Brown Swiss fanden sich auf Platz 1 der meisteingesetzten Bullen 2024 mit Woozle PP* (FV) und Boxer Pp* (BS) zwei Hornlosvererber.

  • Fast die Hälfte der „Top 10-Topseller“ Besamungsbullen der Rasse Holstein in Deutschland sind reinerbig hornlos, was die wachsende Bedeutung der hornlosen Genetik unterstreicht. Dies ist auch bei den Rassen Red Holstein, Fleckvieh und Brown Swiss ähnlich.

Hinweis

Durch die Genotypisierung weiblicher Tiere kann der Zuchtfortschritt in Richtung Hornlosigkeit deutlich gesteigert werden. Wenn der genetische Hornlosstatus der weiblichen Nachzucht bekannt ist (Pp oder PP), lassen sich die Bullen gezielter auswählen, um auch in der nächsten Generation hornlose Kälber zu erhalten.

Wo finde ich Bullen, die Hornlosigkeit vererben?

BaZI Rind - Die Bullendatenbank für Doppelnutzungsrassen 

Die Hornlosbullen für die Doppelnutzungsrassen Fleckvieh, Brown Swiss und Gelbvieh sind auf der Webseite des LKV Bayern zu finden.

zur Webseite

Zunächst muss bei der Rasseauswahl die gewünschte Rasse und ggf. die Produktionsrichtung angegeben werden. Die Eingrenzung auf „Bullen in Ausgabe“ reduziert die Auswahl auf die zur Besamung vermeintlich verfügbaren Bullen. 

Schon direkt nach der Rasseauswahl lässt sich eine Einschränkung auf „nur genetisch hornlose Bullen“ vornehmen. Eine Verfeinerung der Suchkriterien zum Hornstatus ist zudem unter dem Punkt „Genetische Besonderheiten und Erbfehler“ möglich. Dort lassen sich Selektionskriterien zum Hornstatus (PP, PP* und/oder Pp, Pp*, PS, P*S und/oder P) und weiteren genetischen Merkmalen eingrenzen (* - Basierend auf einem Gentestergebnis).

Daneben können weitere Mindestkriterien in den Zuchtwerten und Exterieurmerkmalen ausgewählt werden. Je stärker jedoch eine Eingrenzung vorgenommen wird, desto weniger passende Bullen werden angezeigt. Wenn alle gewünschten Kriterien gesetzt wurden, wird eine Bullenliste absteigend nach dem Gesamtzuchtwert (GZW) ausgegeben. Diese kann durch einen Klick auf eine Spaltenüberschrift/ein Merkmal eine neue Sortierung erhalten. Ein erneuter Klick auf den gleichen Spaltennamen ändert die Sortierung von aufsteigend zu absteigend und umgekehrt.
Um herauszufinden, bei welcher Station ein Bulle verfügbar ist, kann nach Klick auf einen Bullen im Reiter “Stamminfo” oder “Gesamtansicht” die Station und Verfügbarkeit eingesehen werden. Unter den anderen Reitern werden die Zuchtwerte, Stammbaum und weitere Informationen bereitgestellt.

Hinweis

Es empfiehlt sich, anzufragen, ob der Bulle tatsächlich verfügbar ist.

Bulli- und Interbull-Datenbank - Die Bullendatenbanken der Milchviehrassen

Die Hornlosbullen für die Milchviehrassen Holstein-Sbt., Holstein-Rbt, Rotbunt-DN, Angler, Jersey und Dt. Sbt. Niederungsrind sind auf der Webseite vom vit zu finden.

zur Liste deutsche Bullen

zur Liste Internationale Bullen inkl. deutscher Bullen

 

Beide Datenbanken sind in der Suchmaske identisch aufgebaut. Um die Suche auf Bullen mit einem bestimmten Hornstatus einzugrenzen, muss unter dem Button “weiteren Filter hinzufügen” der “Hornstatus” ausgewählt werden. Anschließend erscheint ein neues Feld, in dem Kriterien für den Hornstatus gesetzt werden können.

Vergleichbar mit BaZI Rind können hierbeliebig viele weitere Filter gesetzt werden und z.B. beim Schätzverfahren ausgewählt werden, ob nur genomische, töchtergeprüfte oder alle Bullen angezeigt werden sollen. Wenn alle gewünschten Kriterien gesetzt wurden und die Suche gestartet wurde, gibt die Datenbank alle zutreffenden Bullen absteigend nach Gesamtzuchtwert (RZG) aus. Ein Filter auf aktive Bullen kann hier zwar nicht gesetzt werden, einen Überblick über die besten aktiven Bullen geben aber die Toplisten auf der Seite www.vit.de/vit-fuers-tier/zuchtwertschaetzung/zws-milchrinder aus. 

 

Hinweis

Auch auf den Websites (und ggf. in Apps) der Zuchtorganisationen und Besamungsstationen gibt es Filterfunktionen, um hornlos vererbende Bullen entsprechend zu selektieren.

Stimmen aus der Praxis

Guido Simon ist Biolandwirt im Hochsauerlandkreis in Nordrhein-Westfalen und bewirtschaftet einen Betrieb mit rund 70 Milchkühen. Seit 1998 hat er sich auf die Zucht hornloser Kühe spezialisiert.

Betrieb Nieghorn ist ein Familienbetrieb in Langenbach im Vogtland, im Dreiländereck zwischen Sachsen, Thüringen und Bayern. Auf dem Betrieb werden rund 135 Kühe mit zwei Melkrobotern gemolken und etwa 300 Hektar bewirtschaftet. Seit zehn Jahren wird dort aktiv Hornloszucht betrieben.

Die Interviews geben persönliche Erfahrungsberichte aus der landwirtschaftlichen Praxis wieder. Die geschilderten Einschätzungen und Vorgehensweisen basieren auf individuellen betrieblichen Entscheidungen und stellen keine allgemeingültige Empfehlung dar. Die im Interview genannten Zuchtorganisationen dienen der Veranschaulichung konkreter Praxisbespiele. Es bestehen Angebote bei weiteren Zuchtorganisationen. Eine vollständige Übersicht ist damit nicht verbunden. 

Was sind Ihre Hauptgründe auf Hornlosigkeit zu züchten? Welche Herausforderungen ergeben sich? 

  • Guido Simon

  • Betrieb Nieghorn

Welche Zuchtstrategien in Bezug auf Hornloszucht verfolgen Sie?

  • Guido Simon

  • Betrieb Nieghorn

Gibt es Besonderheiten/ wichtige Kriterien, die Sie bei der Auswahl hornloser Bullen berücksichtigen? 

Wie “groß” ist die Auswahl an entsprechenden Bullen, besteht eine ausreichende Auswahlmöglichkeit?

  • Guido Simon

  • Betrieb Nieghorn

Haben Sie Hinweise/ Tipps für Betriebe, die bislang nicht auf Hornlosigkeit züchten, aber interessiert sind?

  • Guido Simon

  • Betrieb Nieghorn

Welche Frage hat Ihnen gefehlt / hätten Sie noch gerne beatwortet?

  • Guido Simon

Blick in die Zukunft

Die Zucht auf Hornlosigkeit wird in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen, insbesondere durch den zunehmenden Einsatz neuer Techniken in der Tierzucht. Moderne genomische Verfahren und präzisere Zuchtwertschätzungen durch zum Beispiel die Herdentypisierung, ermöglichen eine immer gezieltere Auswahl von Bullen unter gleichzeitiger Berücksichtigung von Leistungs- und Gesundheitsmerkmalen.

Gleichzeitig geben steigende Anforderungen an das Tierwohl eine klare Richtung vor. Die Hornloszucht bewegt sich dabei im Spannungsfeld von Tierwohl, genetischer Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit, entwickelt sich jedoch zunehmend zu einem zentralen Zuchtziel. Die Entwicklung hin zu einer breiten Etablierung wird noch Zeit benötigen, doch die Akzeptanz in der Praxis ist bereits hoch und nimmt weiter zu und die bisherigen Entwicklungen zeigen eine klare Richtung. Nicht zuletzt stellt die Arbeitserleichterung für die Betriebe eine Win-win-Situation dar, welche gleichzeitig im Einklang mit rechtlichen Anforderungen steht. 

Die Perspektiven für die Hornloszucht sind daher insgesamt positiv. Mit wachsenden Populationen hornloser Tiere und weiterem genetischen Fortschritt wird die Hornlosigkeit zunehmend zu einem etablierten Standardmerkmal in der Rinderzucht. Die Fortschritte der vergangenen Jahre zeigen deutlich, dass sich Tierwohl, Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit gut miteinander vereinbaren lassen.

Weitere Informationen

Projekt: Monitoring von genetischen und phänotypischen Trends (MGPT)

Glossar: Zucht auf Hornlosigkeit bei Rindern

Variante eines Gens, die an einem bestimmten Genort (Locus) auf einem Chromosom liegt und die Ausprägung eines Merkmals beeinflusst. Als Beispiel gibt es beim Rind zwei Allele für das Merkmal Hornstatus: P = Allel für Hornlosigkeit und p = Allel für Hörner.

Biologische Familie der Hornträger innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) und der Unterordnung der Wiederkäuer (Ruminantia), zu der unter anderem Rinder, Büffel, Schafe, Ziegen und Antilopen gehören. 

Eine aus DNA und Proteinen aufgebaute Struktur, welche die Erbinformationen eines Organismus trägt.

Ein Allel ist dominant, wenn es bereits bei einfacher Ausprägung (heterozygot) im Phänotyp sichtbar wird. Ein Beispiel dafür ist das Hornlos-Allel (P): Rinder mit mindestens einer Hornlos-Allelvariante (Pp, PP) sind phänotypisch hornlos, nur pp-Tiere tragen sicher Hörner.

Beschreibt, nach welchen genetischen Regeln die Weitergabe von Genen bzw. Allelen erfolgt. Ein Erbgang beschreibt also die Art und Weise, wie ein Merkmal oder eine genetische Eigenschaft von den Eltern auf die Nachkommen vererbt wird.

Ein äußerlich sichtbares und linear beschreibbares Merkmal des Körperbaus eines Tieres (z.B. aus den Bereichen Euter, Fundament oder Bemuskelung), das zur möglichst objektiven Beurteilung der züchterischen Eignung verwendet wird. 

Grundlegende Funktionseinheit der Erbinformation, die einen bestimmten Abschnitt auf der DNA kennzeichnet, der die Informationen für Herstellung eines funktionellen Produkts (z.B. eines Proteins oder RNA-Moleküls) enthält und in den meisten Fällen eine Information für ein bestimmtes Merkmal beinhaltet. Für die genetische Hornlosigkeit ist die genaue Funktionseinheit am Ort, an dem die Allelvarianten im Genom vorkommen, noch nicht abschließend geklärt, d.h. ein einzelnes „Hornlos-Gen“ ist nicht sicher nachweisbar.

Unter genetischen Besonderheiten werden in der Rinderzucht relevante Merkmale mit monogenen Erbgängen, die bspw. Tierwohl- und Tierschutzaspekte berühren, zusammengefasst. Diese Merkmale können sowohl positive (bspw. Hornlosigkeit, Rotfaktor, Beta Kasein) als auch negative (oftmals als Erbfehler bezeichnet bspw. Cholesterin Defizit Haplotyp (CDH), Männliche Subfertilität (MS)) züchterische Auswirkungen haben. Der Großteil der genetischen Besonderheiten wird rezessiv vererbt.  Das heißt, die Mutationen, die die genetischen Besonderheiten hervorrufen, müssen dementsprechend nicht immer phänotypisch sichtbar sein. Prominente Ausnahme ist die genetische Hornlosigkeit die dominant vererbt wird. 

Die genomische Zuchtwertschätzung und die in ihrem Rahmen geschätzten genomischen Zuchtwerte erlauben heute eine genauere und frühzeitigere Beurteilung des züchterischen Wertes eines Tieres. Die genomische Zuchtwertschätzung fußt auf den gleichen Informationen wie die klassische Zuchtwertschätzung, die auf phänotypischen Leistungsdaten und den Verwandtschaftsbeziehungen auf Basis von Pedigrees basiert, und erweitert diese um dichte genomische Informationen von Einzeltieren. Durch die Integration genomischer Informationen (Markerinformationen) können bspw. die Verwandtschaften der Einzeltiere wesentlich genauer in der Zuchtwertschätzung abgebildet werden. Zudem können für die einzelnen Marker im Genom genetische Effekte geschätzt werden, die es ermöglichen für junge Tiere, die noch keine eigenen Phänotypinformationen haben, genomische Zuchtwerte abzuleiten. Diese genomischen Zuchtwerte sind deutlich sicherer als die klassischen Pedigreezuchtwerte für junge Tiere ohne Phänotypinformationen.

Ein Bulle, dessen Zuchtwerte für Merkmale nicht basierend auf eigenen Töchterleistungen geschätzt wurden, sondern anhand der genomischen Informationen des Bullen in Kombination mit den Leistungen und Genominformationen von verwandten Tieren (Vorfahren und Geschwister) abgeleitet wird.

Spezifische Position eines Genorts auf einem Chromosom. Es können verschiedene Varianten (Allele) an einem Genort vorkommen. Beim Rind können also maximal zwei unterschiedliche Allele an einem Genort vorkommen.

Rinder tragen alle Erbinformationen als diploide Organismen in doppelter Ausführung. Das heißt für jeden Genort liegen 2 Allele vor. Die genetische Ausstattung eines Individuums, d.h. seine beiden Allele an einem Genort, wird als Genotyp bezeichnet.

Molekulargenetische Untersuchung zur Bestimmung der genetischen Ausstattung (Genotyp) eines Individuums durch Analyse seiner DNA-Sequenz, wobei insbesondere Einzel-Nukleotid-Polymorphismen (SNPs abgeleitet vom engl. Begriff Single Nucleotid Polymorphism) eine wichtige Rolle spielen. SNPs sind genetische Variationen, bei denen sich einzelne Nukleotide an einer bestimmten Stelle in der DNA unterscheiden. 

Steuerung der Aktivität von Genen. Bestimmt ob, wann und wie stark ein Gen abgelesen (exprimiert) wird. 

Bildet die mathematische Definition eines Zuchtziels (Selektionsindex) ab. Dabei vereint er Zuchtwerte eines Tieres (z.B. Leistung, Gesundheit, Fruchtbarkeit, Exterieur) gewichtet in einem gemeinsamen Zuchtwert. Sowohl der GZW als auch der RZG sind sogenannte relative Gesamtzuchtwerte, d. h. sie werden im Verhältnis, also relativ zum Mittel einer Vergleichspopulation, der Basis, innerhalb einer Rasse (bei Holsteins z.B. alle 4-6 Jahre alten Kühe) dargestellt. Der mittlere Zuchtwert der Vergleichspopulation beträgt immer 100. Die Abweichung vom Mittel 100 drückt somit das züchterische Potential aus. Auch die anderen deutschen Zuchtwerte werden in der Regel als Relativzuchtwerte ausgegeben, allerdings manche auf der sogenannten Naturalskala (dann z.B. in kg, % oder € und mit einem Mittelwert von 0).

Wert zwischen 0 und 1, der zur Abschätzung der Vererbbarkeit von Merkmalen genutzt wird. Maß für den Anteil der genetisch bedingten Unterschiede an der Gesamtvariation eines Merkmals. Die Merkmalsausprägung wird neben der Genetik zu einem meist großen Teil von der Umwelt beeinflusst. Die Umwelt umfasst z.B. Fütterung, Klima, Stall/Weide oder Management.

Ein Individuum ist heterozygot, wenn es an einem bestimmten Genort zwei unterschiedliche Allele besitzt. Die Ausprägung des Merkmals hängt davon ab, welches Allel dominant ist (mischerbiger Genotyp). 

Ein Individuum ist homozygot, wenn an einem bestimmten Genort zwei identische Allele besitzt. Die Ausprägung des Merkmals ist vorhersehbar, weil beide Allele gleich sind (reinerbiger Genotyp). 

Ist eine eindeutig zu identifizierende Variation in der DNA und kommt somit in unterschiedlichen Ausprägungen (Allelen) an der gleichen Stelle im Genom vor. Für die genomische Zuchtwertschätzung werden Punktmutationen (einzelner Basenaustausch, SNP) als Marker verwendet. In Kombination mit jeweils unterschiedlichen Merkmalsausprägungen bieten sie eine Möglichkeit zur Vorhersage einer Merkmalsausprägung beim Nachkommen. Ein Marker kann der Grund für unterschiedliche Ausprägungen sein oder in einer örtlichen Nähe zum Genort liegen.

„Einfacher“ Erbgang bei dem nur ein Gen für die Ausprägung des Merkmals verantwortlich ist. Monogen stellt das Gegenteil zu polygen dar. 

Veränderung im Erbgut (DNA) eines Organismus, die ein Gen oder ein Chromosom betreffen kann. Mutationen können neue Allele erzeugen und so zu neuen Merkmalen führen, die vererbt werden können. Sie können in verschiedenen Formen auftreten, wie Punktmutationen (einzelner Basenaustausch, SNP), Duplikationen (Verdopplung eines DNA-Abschnitts), Insertionen (Hinzufügen von Basenpaaren), Deletionen (Verlust von DNA-Abschnitten) oder Translokationen (Umplatzierung von DNA-Abschnitten auf ein anderes Chromosom).

Erbgang, bei dem nur wenige gemeinsame Gene für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich sind. Im Unterschied dazu werden polygene Merkmale von vielen Genen beeinflusst.

Stammbaum eines Tieres, in dem die Abstammung über mehrere Generationen dokumentiert ist. Es zeigt, welche Vorfahren ein Tier hat und dient der Zuchtplanung und der Vorhersage genetischer Eigenschaften zum Beispiel im Rahmen der Zuchtwertschätzung.  

Alle sichtbaren oder messbaren Merkmale eines Organismus (z. B. Aussehen, Verhalten und Leistung), die durch die Wechselwirkung von Genen und Umwelt entstehen.

Genort, an dem das Gen für Hornlosigkeit (polled = hornlos) sitzt. Tiere mit der polled-Variante tragen keine Hörner. Für die genetische Hornlosigkeit ist die genaue Funktionseinheit am Polled-Locus, an dem die Allelvarianten im Genom vorkommen, noch nicht abschließend geklärt, d.h. ein einzelnes „Hornlos-Gen“ ist noch nicht sicher nachweisbar.  

Erbgang, bei dem viele Gene gemeinsam die Ausprägung eines Merkmals bestimmen. In Abgrenzung zu monogenen und oligogenen Merkmalen, die nur von einem beziehungsweise wenigen Genen beeinflusst werden.

Ein Allel ist rezessiv, wenn es nur bei doppelter Ausprägung (homozygot) im Phänotyp in Erscheinung tritt.

Gezielte Auswahl von Tieren mit erwünschten Merkmalen, um deren genetische Eigenschaften in der nächsten Generation zu verbessern oder zu erhalten. 

Merkmale oder Eigenschaften von Tieren, nach denen in der Zucht die besten Tiere ausgewählt werden, um die gewünschte genetische Verbesserung zu erreichen.

Bezeichnung für einen Bullen, dessen Zuchtwert auf Grundlage der Leistungsdaten seiner Töchter geschätzt wurde.

Unvollständig ausgebildete, nicht mit dem Schädel verwachsene Hornansätze, die aus genetischer Perspektive mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließlich bei genetisch hornlosen Tieren auftreten. Phänotypisch tritt eine Vielzahl an möglichen Erscheinungsformen auf, von kleineren Stirnbeulen bis zu vollständig ausgeprägten, nicht mit dem Schädel verwachsenen Hörnern, die beweglich sind.

Genetisch bedingte, geschätzte Merkmalseigenschaften eines Individuums (z.B. Milchleistung, Gesundheit), die es an seine Nachkommen vererbt. Jedes Elternteil gibt dabei die Hälfte seines genetischen Potenzials an den Nachkommen weiter.

Literatur

  • Bundesverband Rind und Schwein e.V.

  • Davis E.B., Brakora K.A. & Lee A.H: (2011). Evolution of ruminant headgear: a review. Proceedings of the Royal Society B: Biological Scienes 278, 2857-65.

  • Gehrke L. J., Capitan A., Scheper C., König S., Upadhyay M., Heidrich K., Russ I., Seichter D., Tetens J., Medugorac I., & Thaller G. (2020). Are scurs in heterozygous polled (Pp) cattle a complex quantitative trait? Genetics Selection Evolution, 52, 6. https://doi.org/10.1186/s12711-020-0525-z.

  • Medugorac I., Seichter D., Graf A., Russ I., Blum H., Göpel K.H., Rozhammer S., Förster M., & Krebs S. (2012). Bovine polledness – An autosomal dominant trait with allelic heterogeneity. PLoS ONE, 7(6), e39477. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0039477.

  • OMIA. (2019). OMIA 000483-9913: Polled/Horns in Bos taurus (taurine cattle). Online Mendelian Inheritance in Animals. Verfügbar unter: https://omia.org/OMIA000483/9913/.

  • Simon R., Drögemüller C., & Lühken G. (2022). The complex and divers genetic architecture of the absence of horns (polledness) in domestic ruminants, including goats and sheep. Genes, 13(5), 832. doi.org/10.3390/genes13050832

  • Zhu B., Zhang M. & Zhao J (2016). Microstructure and mechanical properties of sheep horn. Microscopy Research and Technique 79, 664-74.