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Geburtsüberwachungssysteme

  • Prof. Dr. Axel Wehrend, Tierklinik für Reproduktionsmedizin und Neugeborenenkunde der Justus-Liebig-Universität Gießen
  • Prof. Dr. Johannes Kauffold, Klinik für Klauentiere, Universität Leipzig
  • Peggy Käferle, Thüringer Landgesellschaft mbH
  • Julia Maischak-Dyck, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen
  • Lukas Trzebiatowski, Fachbereich Tierklinik für Reproduktionsmedizin und Neugeborenenkunde der Justus-Liebig-Universität Gießen

Einführung

Eine gute Überwachung von Kühen, die zur Geburt anstehen ist notwendig, um Geburtsstörungen rechtzeitig zu erkennen und die Erstversorgung des Kalbes mit Kolostralmilch sowie die Nachversorgung der Kuh sicher zu stellen. Technische Hilfsmittel zur Geburtsüberwachung können die Notwendigkeit der Anwesenheit von Personal oder regelmäßiger Kontrollgänge reduzieren. Die Kühe werden in dieser sensiblen Phase nicht unnötig gestört und der Arbeitsaufwand für die Überwachung sinkt.

Eine zuverlässige Meldung von Geburten bei gleichzeitig weniger Störungen im Abkalbebereich kann sich positiv auf den Verlauf der Geburt und die sich anschließende Nachgeburtsphase auswirken.

Dafür sind ein für den Betrieb passendes System und eine zuverlässige Meldung der bevorstehenden Geburten durch die Hilfsmittel ohne Fehlalarme wünschenswert. Es lassen sich bei den aktuell verfügbaren Systemen zwischen Systemen unterscheiden, die speziell für die Anwendung bei Tieren zur Geburtserkennung konzipiert sind und solchen, die zusätzlich zu anderen Parametern einen Geburtsmeldung absetzen. Die aktuell auf dem Markt verfügbaren Systeme zeigen dementsprechend große Unterschiede hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit einer richtigen Geburtserkennung. Ein guter Sensor meldet die bevorstehende Geburt zuverlässig, ohne Fehlalarme auszulösen.  Um die Güte eines Systems zu klassifizieren, unterscheidet man zwischen der Sensitivität und Spezifität. Die Sensitivität gibt an, wie viele der Geburten, die stattgefunden haben, richtig erkannt wurden. Die Spezifität gibt an, wie viele der Kühe, die nicht in Geburt waren, richtig erkannt wurden und somit kein Fehlalarm ausgelöst wurde. Ein großer Unterschied liegt im Zeitpunkt der Meldung und somit im Abstand zum Beginn der Austreibungsphase. Je näher der Alarm zeitlich zur Geburt ausgelöst werden soll, desto höher wird die Fehlerquote. Ausnahmen hiervon sind Sensoren, die erst durch die Austreibungsphase ein Signal abgeben. Die Wahl des richtigen Sensors muss somit betriebsindividuell getroffen werden.

Übersicht der Geburtsüberwachungssysteme

Kamera

Die Kamera ermöglicht den direkten Einblick in die Abkalbebox. Sie gibt eine bildliche Darstellung der Gesamtsituation, eine Beobachtung ist hierdurch somit weiterhin zwingend notwendig. Internetfähige Kameras ermöglichen eine Übertragung auf mobile Endgeräte (Handy, Laptop etc.), sodass eine räumliche Flexibilität entsteht. Der Kameraeinsatz kann eine erhebliche Zeitersparnis bedeuten, da die Wege zum Abkalbestall entfallen. Automatische Alarmfunktionen sind zum aktuellen Zeitpunkt nicht praxisreif. Eventuell sind mehrere Kameras notwendig, um den gesamten Abkalbebereich einsehen zu können. Die Kameraanlage muss für eine Verwendung unter Stallbedingungen (Staub, Feuchtigkeit, …) geeignet sein. Die Kameraposition und auch die Lichtverhältnisse (ggf. Infrarotkamera für Nachsicht) müssen berücksichtigt werden.

Geburtsmelder zur Anwendung in der Scheide

Vor dem errechneten Abkalbetermin wird ein Sensor in die Scheide der Kuh eingeführt. Der genaue Zeitpunkt variiert nach Herstellerangaben und kann sich von circa zwei Wochen bis wenige Tage vor der Geburt erstecken. Der Sensor erfasst entweder die Temperatur oder Temperatur und Lichteinfall. Tritt der Sensor im Geburtsverlauf aus der Vagina aus, wird der Temperaturabfall bzw. der Temperaturabfall und der Lichteinfall registriert. Das führt zu einer Benachrichtigung. Es kann je nach Hersteller zu hohen Anzahlen an Fehlermeldungen z. B. durch Herausfallen des Sensors ohne Geburtsbeginn kommen.

Geburtsmelder Schwanzwurzel

Der Geburtsmelder an der Schwanzwurzel reagiert auf das Abhalten des Schwanzes. In der Öffnungsphase der Geburt und oftmals in den Tagen davor tritt dies auch unabhängig vom Ausscheidungsverhalten auf. Durch stark tierindividuelle Unterschiede im Verhalten kann es schon Tage vor der Geburt zu falsch positiven Meldungen kommen. Geräte für diese Messung können entweder an der Schwanzwurzel fixiert oder mittels Brust- und Bauchgeschirr auf dem Schwanzansatz angebracht werden. Hierbei muss der korrekte Einsatz genau überprüft und regelmäßig überwacht werden, damit es nicht zu Durchblutungsstörungen des Schwanzes kommt und die Geräte dennoch nicht abfallen. Ein zu fester Sitz kann innerhalb kurzer Zeit zum Absterben der unteren Schwanzhälfte führen.

Pansenbolus

Ein Pansenbolus erfasst je nach Hersteller verschiedene Parameter wie Aktivität, Wiederkautätigkeit, Temperatur oder Pansen-pH. Für die Überwachung der Geburt wird unter anderem der Abfall der Köpertemperatur, der rund 24 Stunden vor der Geburt eintritt, genutzt. Der Bolus wird der Kuh mit einem Bolus-Eingeber verabreicht und verbleibt dann lebenslang im Netzmagen.

Bewegungsaktivität

Die Erfassung der Bewegungsaktivität kann über Pedometer, Halsbänder, Ohrmarken oder Pansenboli erfolgen. Durch die Veränderungen im Lauf- und Liegeverhalten im geburtsnahen Zeitraum wird ein Alarm ausgelöst, der die bevorstehende Geburt anzeigen kann. Der Vorteil liegt hierbei in der leichten Handhabung und der sicheren Positionierung der Sensoren. Die Aktivitätsmessung als Indikator für die Abkalbung ist jedoch weniger zuverlässig als andere Systeme.

Wiederkauaktivität

Die Aktivität des Wiederkauens kann über Halsbänder, Pansenboli oder Ohrmarken erfasst werden. Hierbei wird die Abnahme des Wiederkauens im geburtsnahen Zeitraum als Grundlage für den Alarm genutzt. Diese Variante der Überwachung ist weniger sensitiv als vergleichbare Systeme zur Geburtsmeldung.

Vergleich der unterschiedlichen Geburtsüberwachungssysteme

Tabelle 1: Vergleich der Geburtsüberwachungssysteme
SystemHandhabungAufwand für die HygieneFolgekostenArbeitsaufwandTechnische Anforderungen
Kamera 
  • Einfach
 
 
  • Wenig aufwendig
 
 
  • Gering
 
 
  • Mittel
  • Aktive Kontrolle erforderlich, weil keine automatische Meldung erfolgt
 
 
  • Ausstattung einer Box mit Kamera
  • Zuverlässige Bildübertragung an ein Endgerät
 
Geburtsmelder Scheide 
  • Einfach
 
 
  • Aufwendig, da nach jedem Einsatz gereinigt werden muss
 
 
  • Lizenzgebühr
 
 
  • Gering
  • Einsatz des Melders im geburtsnahen Zeitraum
 
 
  • Gering
  • Mobiles Endgerät mit SIM-Karte 
  • oder Onlineanwendung
 
Geburtsmelder Schwanzwurzel 
  • Aufwendig
  • Befestigung an der richtigen Stelle
  • Regelmäßige Kontrolle 
  • Nicht zu fest, nicht zu locker

 

 
  • Wenig aufwendig
 
 
  • Lizenzgebühr bzw. Kosten für SIM-Karte
 
 
  • Hoch, da regelmäßige Kontrollen notwendig
 
 
  • Gering
  • Mobiles Endgerät mit SIM-Karte
 
Pansenbolus 
  • Einfach
 
 
  • Wenig aufwendig
 
 
  • Lizenzgebühr
 
 
  • Gering
 
 
  • Gering
  • Onlineanwendung
 
Bewegungsaktivität 
  • Einfach
 
 
  • Wenig aufwendig
 
 
  • Lizenzgebühr
 
 
  • Gering
 
 
  • Gering
  • Onlineanwendung bzw. integriert in Herdenmanagementprogramm
 
Wiederkauaktivität 
  • Einfach
 
 
  • Wenig aufwendig
 
 
  • Lizenzgebühr
 
 
  • Gering
 
 
  • Gering
  • Onlineanwendung bzw. integriert in Herdenmanagementprogramm
 

 

Literatur